Macht und Glaube in Rom: Vatikan, Engelsburg und der geheime Passetto

Vom Petersdom über den Fluchtgang der Päpste und Hadrians Mausoleum bis zu Michelangelos Meisterwerken

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  1. 1. Petersplatz & Berninis Kolonnaden: Die mütterliche Umarmung

    Piazza San Pietro, 00120 Città del Vaticano

    Bleib genau hier im weiten Oval des Petersplatzes stehen und wende deinen Blick zu den vierreihigen Säulengängen, die den Platz wie zwei riesige Arme umfassen. Gian Lorenzo Bernini vollendete diese zweihundertvierundachtzig dorischen Säulen zwischen sechzehnhundert sechsundfünfzig und sechzehnhundertsiebenundsechzig im Auftrag von Papst Alexander dem Siebten, um zu versinnbildlichen, wie die Kirche die Gläubigen mit mütterlicher Umarmung empfängt.

    Suche am Boden zwischen dem Obelisken und den beiden Brunnen nach einer kleinen runden Marmorplatte mit der Inschrift Centro del Colonnato. Wenn du dich exakt auf diesen Stein stellst und zu den Kolonnaden blickst, geschieht eine verblüffende optische Illusion: Die vier hintereinander liegenden Säulenreihen verschmelzen perfekt zu einer einzigen Säule! Alle dahinter liegenden Säulen verschwinden vollständig aus deinem Blickfeld.

    In der Mitte ragt der fünfundzwanzig Meter hohe ägyptische Obelisk empor, den Kaiser Caligula im Jahr siebenunddreißig nach Christus aus Heliopolis nach Rom brachte. Er stand einst im Circus des Nero direkt nebenan, wo der Apostel Petrus den Märtyrertod am Kreuz starb. Er ist der einzige Obelisk Roms, der seit der Antike nie umgestürzt ist.

    Tritt heran an die monumentale Fassade des Petersdoms.

  2. 2. Petersdom & Michelangelos Pietà: Die Größte Kirche der Christenheit

    Piazza San Pietro, 00120 Città del Vaticano

    Schreite durch die bronzenen Portaltüren des Petersdoms und halte im Mittelschiff an. Die schiere Weite raubt den Atem: Mit einer Innenlänge von zweihundertelf Metern ist dies die größte Kirche der Weltgeschichte. Drehe dich gleich in der ersten Kapelle rechts um: Hinter schusssicherem Glas steht Michelangelos Pietà, gemeißelt aus einem einzigen Block weißen Carrara-Marmors im Jahr vierzehn hundertneunundneunzig, als der Künstler gerade vierundzwanzig Jahre alt war.

    Schau auf das Band über der Brust der Jungfrau Maria: Es ist das einzige Werk in Michelangelos gesamtem Leben, das er je signiert hat! Als Michelangelo belauschte, wie Besucher die Skulptur einem Mailänder Bildhauer zuschrieben, schlich er sich nachts mit Hammer und Meißel in die Kirche und schlug den Satz ein: Michelangelo Buonarroti aus Florenz hat dies gemacht.

    Blicke zur Vierung hinauf: Unter Michelangelos hundertsechsunddreißig Meter hoher Kuppel ragt Berninis dreißig Meter hoher bronzener Baldachin empor. Für seinen Guss ließ Papst Urban der Achte Barberini die antiken Bronzebalken des Pantheons einschmelzen, was die Römer zum bitteren Spottwort verleitete: Was die Barbaren nicht taten, taten die Barberini!

    Tritt hinaus auf die Via della Conciliazione und folge der Mauer des Passetto di Borgo.

  3. 3. Der Passetto di Borgo: Der Geheime Fluchtweg der Päpste

    Piazza Pia, 00193 Roma

    Stelle dich an die Ecke der Via dei Corridori und blicke hinauf zu der trutzigen Backsteinmauer mit ihren Zinnen und Schießscharten, die sich schnurgerade vom Apostolischen Palast bis zur Engelsburg zieht. Du stehst vor dem Passetto di Borgo, dem geheimen Hochgang, den Papst Nikolaus der Dritte im Jahr zwölfhunderdsiebenundsiebzig auf einer alten Befestigungsmauer anlegen ließ.

    Von außen wirkt das Bauwerk wie eine normale Verteidigungsmauer, doch in ihrem Inneren verbirgt sich ein geschlossener Korridor von achthundert Metern Länge. Durch diesen geheimen Fluchtweg konnten die Päpste bei Belagerungen oder Volksaufständen ungesehen aus den Schlafgemächern des Vatikans in die uneinnehmbare Festung der Engelsburg fliehen.

    Am sechsten Mai fünfzehnhundertsiebenundzwanzig rettete der Passetto das Leben von Papst Clemens dem Siebten während des berüchtigten Sacco di Roma. Während einhundertsiebenundvierzig Schweizergardisten auf den Stufen des Petersdoms ihr Leben opferten, um die kaiserlichen Landsknechte Karls des Fünften aufzuhalten, rannte der Papst in fliegenden Gewändern durch diesen Gang in Sicherheit.

    Folge dem Mauerverlauf direkt zum monumentalen Rundbau der Engelsburg.

  4. 4. Die Engelsburg (Castel Sant'Angelo): Hadrians Trutzburg

    Lungotevere Castello 50, 00193 Roma

    Bleib vor den mächtigen Travertin- und Ziegelmauern der Engelsburg am Ufer des Tiber stehen und blicke hinauf zur bronzenen Statue des Erzengels Michael auf der Spitze. Dieses gewaltige Rundbauwerk entstand zwischen einhundertdreiundzwanzig und einhundertneununddreißig nach Christus als prächtiges Mausoleum für Kaiser Hadrian und seine Nachfolger bis Caracalla.

    Woher hat die Burg ihren Namen? Im Jahr fünfhundertneunzig wütete eine mörderische Pestepidemie in Rom. Als Papst Gregor der Große eine Bittprozession anführte, hatte er eine übernatürliche Vision: Auf dem Gipfel des Mausoleums erschien der Erzengel Michael, der sein blutiges Schwert in die Scheide steckte—als Zeichen, dass Gottes Zorn gestillt und die Seuche beendet war.

    Die Päpste bauten die antike Grabstätte im Mittelalter zur stärksten Festung Roms aus, lagerten dort Goldreserven und richteten Gefängnisse ein. Der berühmte Goldschmied Benvenuto Cellini und der Philosoph Giordano Bruno waren hier eingekerkert. In Puccinis Oper Tosca stürzt sich die Heldin von genau diesen Zinnen in den Tod.

    Tritt auf die Engelsbrücke hinaus und bestaune Berninis weiße Engelsfiguren.

  5. 5. Die Engelsbrücke: Berninis Engel über dem Tiber

    Ponte Sant'Angelo, 00186 Roma

    Tritt auf das Pflaster der Engelsbrücke und schau an den zehn lebensgroßen weißen Marmorengeln entlang, die die Brüstung säumen. Drei der mittleren Steinbögen unter deinen Füßen sind echtes römisches Mauerwerk aus dem Jahr einhundertvierunddreißig nach Christus, erbaut von Kaiser Hadrian als Pons Aelius, um sein Mausoleum mit dem Marsfeld zu verbinden.

    Im Jahr sechzehnhundertneunundsechzig beauftragte Papst Clemens der Neunte Gian Lorenzo Bernini, die Brücke in eine feierliche Bühne für ankommende Pilger zu verwandeln. Bernini und seine Schüler schufen zehn anmutige Engel, von denen jeder ein Werkzeug der Passion Christi in den Händen hält: die Dornenkrone, das Kreuz, die Nägel, die Lanze, die Geißelsäule und das Schweißtuch der Veronika.

    Papst Clemens war von Berninis eigenhändig gemeißeltem Engel mit der Dornenkrone so verzaubert, dass er ihn für zu kostbar für Wind und Wetter auf der Brücke hielt! Die Originalstatue wurde in die Kirche Sant'Andrea delle Fratte gebracht und auf der Brücke durch eine Kopie ersetzt.

    Schlendere über die Brücke und spaziere durch die engen Gassen zum Campo de' Fiori.

  6. 6. Campo de' Fiori & Giordano Bruno: Das Mahnmal der Denkfreiheit

    Piazza Campo de' Fiori, 00186 Roma

    Tritt hinaus auf das geschäftige Kopfsteinpflaster des Campo de' Fiori, umgeben von bunten Marktständen mit Blumen, Artischocken und Käse. Doch mitten in diesem fröhlichen Trubel erhebt sich eine düstere, vermummte Bronzegestalt: das Denkmal des Philosophen und Dominikanermönchs Giordano Bruno, geschaffen achtzehnhundertneunundachtzig von Ettore Ferrari.

    Bleibe am Sockel stehen und blicke in Brunos finsteres Gesicht: Genau an dieser Stelle wurde der Denker am siebzehnten Februar sechzehnhundert von der römischen Inquisition bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Brunos Verbrechen: Er lehrte, dass das Universum unendlich sei und unzählige bewohnte Welten um ferne Sonnen kreisten, was die Kirche als Ketzerei verdammte.

    Um ihn am Reden zu hindern, knebelten ihn die Inquisitoren mit einem hölzernen Zungenkeil. Als ihm das Urteil verlesen wurde, sprach Bruno die unsterblichen Worte: Mit größerer Furcht verkündet ihr vielleicht das Urteil gegen mich, als ich es empfange!

    Brunos Statue blickt mit grimmigem Blick direkt in Richtung Vatikan. Dies ist der einzige historische Platz Roms ohne eine einzige Kirche. Biege wenige Schritte weiter zur eleganten Piazza Farnese ab.

  7. 7. Piazza Farnese & Die Wannen der Caracalla-Thermen: Monumentale Eleganz

    Piazza Farnese, 00186 Roma

    Beende deinen Spaziergang auf der ruhigen, herrschaftlichen Piazza Farnese und stelle dich vor eines der beiden riesigen Brunnenbecken aus grauem ägyptischem Granit. Berühre den kühlen, glattpolierten Stein: Du berührst zweitausend Jahre Geschichte! Diese beiden monumentalen Wannen standen ursprünglich in den kaiserlichen Caracalla-Thermen und dienten römischen Senatoren als Heißwasserbecken, bevor die mächtige Farnese-Familie sie hierher schaffen ließ.

    Schau auf das Wappen über den Brunnen: Eine steinerne Lilie, das Wappen der Farnese, speist das Wasser in die Wannen. Gegenüber thront der Palazzo Farnese, der großartigste Renaissance-Palast Roms. Papst Paul der Dritte Farnese ließ ihn ab fünfzehnhundertsiebzehn durch Antonio da Sangallo und keinen Geringeren als Michelangelo Buonarroti errichten, der das berühmte weit ausladende Gesims entwarf.

    Um die gewaltigen Steinmassen für den Palast zu beschaffen, plünderten die Baumeister schamlos das Kolosseum und das antike Theater des Marcellus. Heute beherbergt der Prachtbau die französische Botschaft in Italien.

    Wenn das Brunnenwasser im Dämmerlicht plätschert und die Palastfassade golden erstrahlt, spürst du den Atem des ewigen Roms: wo Imperium, Glaube und Genie unauflöslich miteinander verwoben sind.