Das Geheimnisvolle Marais: Place des Vosges, Stadtpaläste und Revolutionäre

Vom ältesten königlichen Platz über Victor Hugos Schreibzimmer bis zum jüdischen Herz der Rue des Rosiers

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  1. 1. Place des Vosges & Victor Hugos Klause: Der Älteste Königsplatz

    Place des Vosges, 75004 Paris

    Tritt unter die gewölbten Bogengänge des Place des Vosges und schau über den quadratischen Rasen mit seinen vier rauschenden Brunnen. Du stehst auf dem ältesten geplanten Platz von Paris, eingeweiht im Jahr sechzehnhundertzwölf von König Ludwig dem Dreizehnten zur Feier seiner Vermählung mit Anna von Österreich. König Henri der Vierte hatte die sechsunddreißig vollkommen symmetrischen Pavillons aus rotem Backstein, weißem Kalkstein und blauen Schieferdächern als Vorzeigeprojekt für den Pariser Adel entworfen.

    Schau hinüber zur Nummer sechs in der südöstlichen Ecke: Dort im zweiten Stock mietete der Dichterfürst Victor Hugo von achtzehnhundertzweiunddreißig bis achtzehnhundertachtundvierzig eine geräumige Wohnung. An einem Stehpult mit Blick auf die Lindenbäume schrieb Hugo große Teile seines unsterblichen Meisterwerks Die Elenden (Les Misérables).

    Vor dem Bau des Platzes stand hier das königliche Palais des Tournelles. Im Jahr fünfzehnhundertneunundfünfzig wurde König Henri der Zweite bei einem Ritterturnier auf diesem Boden von der splitternden Lanze des Grafen von Montgomery tödlich ins Auge getroffen, woraufhin seine Witwe Katharina von Medici das Schloss aus Trauer dem Erdboden gleichmachen ließ.

    Gehe durch den südwestlichen Durchgang direkt in den Ehrenhof des Hôtel de Sully.

  2. 2. Hôtel de Sully & Der barocke Orangeriegarten: Adliger Prunk

    62 Rue Saint-Antoine, 75004 Paris

    Tritt aus dem Place des Vosges durch die diskrete Holztür in den ruhigen Kiesgarten des Hôtel de Sully. Lass deinen Blick über die üppig reliefierte Sandsteinfassade wandern: Zwischen sechzehnhundertvierundzwanzig und sechzehnhundertdreißig für den königlichen Finanzier Mesme Gallet erbaut, ist dieses Stadtpalais das absolute Juwel barocker Wohnkultur im Marais.

    Schau dir die kunstvollen Nischenskulpturen im Ehrenhof an: Sie stellen die vier Jahreszeiten und die vier Elemente dar. Der Bauherr verspielte das gesamte Anwesen in einer einzigen unglückseligen Nacht beim Kartenspiel an Maximilien de Béthune, den Herzog von Sully und berühmten Premierminister von König Henri dem Vierten, der hier seine letzten Lebensjahre verbrachte.

    Während der Haussmannschen Stadterneuerung im neunzehnten Jahrhundert entging das Marais-Viertel wie durch ein Wunder dem Abrissbirnenwahn des Barons, weil das einstige Adelsviertel damals zu einem heruntergekommenen Handwerkerquartier verarmt war und Haussmann lieber breite Boulevards andernorts schlug. Erst Kulturminister André Malraux rettete die Paläste in den neunzehnsechziger Jahren vor dem Verfall.

    Tritt hinaus auf die Rue Saint-Antoine und biege nordwärts in die Rue des Rosiers ein.

  3. 3. Rue des Rosiers: Das Lebendige Jüdische Herz des Pletzl

    Rue des Rosiers, 75004 Paris

    Tauche ein in das lebendige Kopfsteinpflaster der Rue des Rosiers, der Rosenstraße, und nimm den köstlichen Duft von frisch gebackenem Challa-Brot, heißem Apfelstrudel und knusprigen Kichererbsen-Falafeln wahr. Du stehst mitten im Pletzl, dem jiddischen Wort für kleiner Platz: Seit dem dreizehnten Jahrhundert ist dieser Winkel des Marais das kulturelle und religiöse Herz der jüdischen Gemeinschaft von Paris.

    Schau auf die Schaufenster mit den hebräischen Schriftzügen: Hier flüchteten im späten neunzehnten Jahrhundert hunderttausende aschkenasische Juden vor Pogromen im zaristischen Russland und Polen her, gefolgt von sephardischen Familien aus Nordafrika in den neunzehnhundertsechziger Jahren. Vor der legendären Bäckerei Sacha Finkelsztajn leuchtet die gelbe Fassade seit Generationen mit osteuropäischen Delikatessen.

    Halte an der Nummer sieben inne: Eine Gedenktafel erinnert an den verheerenden Terroranschlag auf das Restaurant Jo Goldenberg am neunten August neunzehnhundertzweiundachtzig, bei dem sechs unschuldige Menschen starben. Das Marais trägt seine Wunden mit ungebrochenem Stolz und unverwüstlicher Lebensfreude.

    Schlendere nach Süden zur Rue du Figuier vor das spätgotische Hôtel de Sens.

  4. 4. Hôtel de Sens: Der Spätgotische Märchenpalast

    1 Rue du Figuier, 75004 Paris

    Bleibe an der Ecke der Rue du Figuier stehen und staune über die märchenhaften runden Scharwachttürme, Zinnen und gotischen Giebelgauben des Hôtel de Sens. Erbaut zwischen vierzehnhundertfünfundsiebzig und fünfzehnhundertsieben für Tristan de Salazar, den Erzbischof von Sens, ist dies neben dem Hôtel de Cluny das einzige rein mittelalterliche Privatpalais, das in ganz Paris überlebt hat!

    Bis zum Jahr sechzehnhundertzwanzig unterstand Paris kirchlich dem fernen Erzbistum Sens; die mächtigen Bischöfe brauchten daher eine standesgemäße Residenz in der Hauptstadt. Im Jahr sechzehnhundertfünf zog hier die berühmte Königin Margot ein, die erste Gemahlin von Henri dem Vierten, nach ihrer Scheidung. Die exzentrische Königin empfing hier zahlreiche junge Liebhaber und ließ einen von ihnen, der ihren Favoriten aus Eifersucht erstochen hatte, direkt vor dem Burgtor enthaupten!

    Schau ganz genau auf die linke Fassadenseite über dem Portal in etwa fünf Metern Höhe: Eingemauert in den Sandstein siehst du eine echte eiserne Kanonenkugel! Sie schlug dort während der Julirevolution am achtundzwanzigsten Juli achtzehnhundertdreißig ein, und das Datum ist bis heute stolz in den Stein gemeißelt.

    Gehe wenige Schritte nach Norden zur Kirche Saint-Paul-Saint-Louis.

  5. 5. Kirche Saint-Paul-Saint-Louis: Die Jesuitenkuppel

    99 Rue Saint-Antoine, 75004 Paris

    Stelle dich vor die monumentale dreistöckige Barockfassade der Kirche Saint-Paul-Saint-Louis an der Rue Saint-Antoine. Betrachte die korinthischen Säulen und das wuchtige Eingangsportal: König Ludwig der Dreizehnte legte im Jahr sechzehnhundertsiebenundzwanzig persönlich den Grundstein für dieses Gotteshaus der Jesuiten, das dem römischen Vorbild Il Gesù nachempfunden wurde.

    Tritt ein und blicke empor in die fünfzig Meter hohe Kuppel: Sie war die allererste große monumentale Barockkuppel, die in Paris erbaut wurde, und diente späteren Architekten als direktes Vorbild für den Invalidendom und das Panthéon. Zur feierlichen Einweihung im Jahr sechzehnhunderteinundvierzig zelebrierte kein Geringerer als der mächtige Kardinal Richelieu die allererste Messe.

    Schau in das linke Querschiff: Dort hängt Eugène Delacroix' dramatisches Gemälde Christus am Ölberg aus dem Jahr achtzehn hundertsiebenundzwanzig. In dieser Kirche wurden die Herzen der französischen Könige Ludwig des Dreizehnten und Ludwig des Vierzehnten in goldenen Urnen aufbewahrt, bevor sie in der Revolution geraubt wurden.

    Folge der Rue François Miron zur geschichtsträchtigen Kirche Saint-Gervais.

  6. 6. Église Saint-Gervais & Die Uralte Ulme: Der Baum des Rechts

    13 Rue des Barres, 75004 Paris

    Tritt auf den kleinen gepflasterten Platz vor der Kirche Saint-Gervais-Saint-Protais und halte vor der mächtigen Ulme an, die inmitten des Pflasters ihre Äste ausbreitet. Seit dem frühen Mittelalter steht an genau dieser Stelle ein Ulmenbaum: Unter seinen Zweigen versammelten sich die Pariser Bürger, um Schulden zu begleichen und Streitigkeiten vor dem Vogt zu schlichten, woraus das alte französische Sprichwort entstand: Attendez-moi sous l'orme—Warte auf mich unter der Ulme, was so viel bedeutet wie: Darauf kannst du ewig warten!

    Schau auf die Fassade der Kirche: Salomon de Brosse vollendete sechzehnhundertsechzehn die allererste streng klassizistische Kirchenfassade Frankreichs, mit drei übereinandergestapelten Säulenordnungen: dorisch im Erdgeschoss, ionisch im ersten Stock und korinthisch ganz oben.

    Am Karfreitag, dem neunundzwanzigsten März neunzehnhundertachtzehn, traf eine gewaltige Granate des deutschen Langstreckengeschützes Paris-Geschütz das Steingewölbe der Kirche während des Gottesdienstes. Das stürzende Tonnengewölbe riss einundneunzig betende Menschen in den Tod: die schlimmste zivile Katastrophe von Paris im Ersten Weltkrieg.

    Gehe wenige Schritte weiter zum monumentalen Rathaus von Paris, dem Hôtel de Ville.

  7. 7. Hôtel de Ville: Das Rathaus der Pariser Revolutionen

    Place de l'Hôtel de Ville, 75004 Paris

    Beende deinen Spaziergang auf der riesigen Weite des Place de l'Hôtel de Ville und blicke hinauf zu den hundertachtunddreißig Steinstatuen berühmter französischer Denker, Künstler und Politiker, die die Fassaden des Pariser Rathauses schmücken. Seit dem Jahr dreizehnhundertsiebenundfünfzig, als der Kaufmannsvorsteher Étienne Marcel hier das Haus der Säulen kaufte, ist dieser Platz das unbeugsame Machtzentrum der Pariser Bürger.

    Früher hieß dieser Platz Place de Grève, weil das sandige Spree-Ufer damals ein Kieselstrand (grève) war, an dem arbeitslose Tagelöhner auf Arbeit warteten. Daraus entstand das moderne französische Wort faire la grève—streiken! Über fünf Jahrhunderte war dies auch der offizielle öffentliche Hinrichtungsplatz von Paris, auf dem Scheiterhaufen brannten und siebzehnhundertzweiundneunzig die allererste Guillotine aufgestellt wurde.

    Hier schlug das Herz aller französischen Revolutionen: Beim Sturm auf die Bastille siebzehnhundertneunundachtzig, bei der Revolution von achtzehnhundertachtundvierzig und während der blutigen Pariser Kommune von achtzehnhunderteinundsiebzig, als die Aufständischen das historische Renaissancerathaus anzündeten, um seine Einnahme durch Regierungstruppen zu verhindern. Das Gebäude wurde bis achtzehnhundertzweiundachtzig originalgetreu vergrößert wiederaufgebaut.

    Schau auf die glitzernde Seine und die Lichter von Notre-Dame. Du hast die geheimnisvolle, aristokratische und revolutionäre Seele des Marais durchschritten.