Geheimnisse des Gotischen Viertels und El Born: Schatten, Zünfte und Legenden

Ein Spaziergang durch mittelalterliche Gassen, alte Flüche und die Basilika der Hafenarbeiter

Barcelona · 7 stops · 13 min audio · Generated

  1. 1. Plaça del Rei: Der Thronsaal der Grafen

    Plaça del Rei, 08002 Barcelona

    Bleib genau hier im stillen Steinhof der Plaça del Rei stehen und lass deinen Blick über diese gewaltigen gotischen Mauern wandern. Du befindest dich im innersten Machtzentrum des mittelalterlichen Kataloniens. Auf diesen Steinen residierten die Grafen von Barcelona und Könige von Aragonien. Die halbkreisförmige Freitreppe führt hinauf zum Saló del Tinell, dem prächtigen Festsaal, dessen kühne Steinbögen im vierzehnten Jahrhundert ganz ohne stützende Säulen errichtet wurden.

    Welche weltgeschichtliche Begegnung fand an dieser Treppe statt? Im April vierzehnhundertdreiundneunzig stieg Christoph Kolumbus nach seiner ersten Überfahrt über den Atlantik diese Stufen empor. Hier empfingen ihn die katholischen Könige Isabella und Ferdinand feierlich, während Kolumbus Goldstaub, Papageien und sechs getaufte Ureinwohner der Karibik vorführte.

    Schau hinauf zu dem schlanken Wachturm Mirador del Rei Martí in der Ecke: fünf Stockwerke aus hellem Haustein, vollendet im Jahr fünfzehnhundertfünfundfünfzig. Unter deinen Füßen verbirgt sich eine der größten römischen Ausgrabungsstätten Europas. Vier Meter tiefer liegen die Straßen der antiken Kolonie Barcino mit intakten Weinpressen, Fischsalzereien und Wäschereien aus dem ersten Jahrhundert vor Christus.

    In den finsteren Nächten der spanischen Inquisition tagte in diesen Hallen das geheime Glaubenstribunal. Wer einmal durch das kleine Eichentor zur Vernehmung gerufen wurde, sah das Tageslicht selten wieder. Wenn heute die Abenddämmerung über den Platz fällt, hallt jeder Schritt wie ein Echo aus einer längst versunkenen Epoche wider.

  2. 2. Kathedrale von Barcelona: Die dreizehn weißen Gänse

    Pla de la Seu, s/n, 08002 Barcelona

    Tritt ein in den schattigen, palmenbestandenen Kreuzgang der Kathedrale von Barcelona und lausche dem vertrauten Schnattern. Mitten in diesem gotischen Arkadenhof aus dem vierzehnten Jahrhundert leben seit Jahrhunderten genau dreizehn schneeweiße Gänse. Sie sind kein Zufall und keine Touristenattraktion, sondern lebendige Hüterinnen einer tragischen Stadtlegende.

    Die Gänse erinnern an das Martyrium der heiligen Eulalia, der Schutzpatronin Barcelonas. Im Jahr dreihundertvier, während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian, weigerte sich das dreizehnjährige Hirtenmädchen standhaft, ihren Glauben zu leugnen. Die römischen Richter verurteilten sie zu dreizehn grausamen Folterungen, eine für jedes Lebensjahr.

    Man sperrte sie in ein mit Glasscherben und Nägeln gespicktes Fass und rollte es die steile Gasse Baixada de Santa Eulàlia hinab. Als man sie schließlich nackt an ein Andreaskreuz band, fiel mitten im warmen Frühling dichter Schnee vom Himmel, um ihre Blöße wie ein weißes Leichentuch zu bedecken. Im Augenblick ihres Todes flog eine weiße Taube aus ihrem Mund gen Himmel.

    Warum gerade Gänse? Weil Eulalia auf dem Land Gänsehirtin war und ihr lautes Rufen schon die Römer vor Gefahren warnte. Stirbt eine Gans im Klostergarten, wird sie unverzüglich ersetzt, damit die Schicksalszahl dreizehn niemals bricht. Ihr weißes Gefieder mahnt die geschäftige Metropole daran, dass Unschuld und Widerstandskraft unvergänglich sind.

  3. 3. Plaça de Sant Felip Neri: Die Wunden der Steine

    Plaça de Sant Felip Neri, 08002 Barcelona

    Bleib an diesem stillen Brunnen mitten auf der Plaça de Sant Felip Neri stehen und schau dir die durchlöcherte Kirchenfassade an. Dieser von Renaissancehäusern umschlossene Platz ist einer der ergreifendsten Orte Barcelonas. Fast jeder, der hierher gelangt, vermutet hinter den tiefen Kratern in der Barockfassade die Einschusslöcher eines Erschießungskommandos. Doch die Wahrheit ist weitaus erschütternder.

    Am dreißigsten Januar neunzehnhundertachtunddreißig, während des Spanischen Bürgerkriegs, warfen italienische Bomber der faschistischen Legion mehrere Fliegerbomben direkt über der Altstadt ab. Eine Bombe schlug direkt durch das Kirchendach in den Keller ein, in dem die Kinder einer nahegelegenen Schule und Flüchtlinge Schutz gesucht hatten. Zweiundvierzig Menschen, die meisten von ihnen Schulkinder, starben in den Trümmern.

    Die zersplitterten Sandsteine wurden nach dem Krieg absichtlich unberührt gelassen, als stummes Mahnmal gegen die Zerstörung. Wusstest du, dass dieser Platz auch mit dem Architekten Antoni Gaudí eng verbunden ist? Gaudí war ein tiefgläubiger Mann und ging jeden Nachmittag zu Fuß zur Kirche Sant Felip Neri, um zu beten und zu beichten.

    Am siebten Juni neunzehnhundertsechsundzwanzig verließ er seine Baustelle der Sagrada Família auf dem gewohnten Weg hierher, als ihn an der Kreuzung Gran Via eine Straßenbahn erfasste. Weil er wie ein mittelloser Bettler gekleidet war, erkannten die Droschkenkutscher das Genie nicht und ließen ihn liegen. Wenn das Wasser im Brunnen plätschert, spürt man die Melancholie, die über diesem verborgenen Hof liegt.

  4. 4. Pont del Bisbe: Die Seufzerbrücke und der Totenkopf

    Carrer del Bisbe, 08002 Barcelona

    Schau einmal hinauf zu diesem filigranen überdachten Bogen aus weißem Stein, der die Carrer del Bisbe überspannt. Der Pont del Bisbe, die Bischofsbrücke, verbindet den Regierungspalast der Generalitat mit der Residenz des Bischofs. Fast alle Besucher halten dieses Bauwerk für ein uraltes Meisterwerk aus dem vierzehnten Jahrhundert. Doch der Schein trügt.

    Die Brücke entstand erst im Jahr neunzehnhundertachtundzwanzig für die bevorstehende Weltausstellung von Barcelona. Der Architekt Joan Rubió i Bellver, ein Meisterschüler Gaudís, wollte das gesamte Gotische Viertel abreißen und durch eine pompöse Traumkulisse im neugotischen Stil ersetzen. Die Stadtverwaltung lehnte seine radikalen Pläne empört ab und genehmigte ihm lediglich diesen einen einzigen Brückenbogen.

    Gekränkt und verbittert meißelte Rubió auf der Unterseite der Brücke ein unheimliches Detail ein: einen Totenkopf, der von einem Dolch durchbohrt wird. Eine düstere Großstadtlegende besagt: Sollte jemals der Dolch aus dem Totenkopf herausgezogen werden, stürzt die Brücke ein und ganz Barcelona wird von einer unheilvollen Katastrophe heimgesucht.

    Ein zweiter Aberglaube verspricht dagegen Glück: Wenn du rückwärts unter dem Bogen hindurchläufst und dabei deinen Blick starr auf den Schädel richtest, ohne den Gang zu unterbrechen, geht dein geheimer Herzenswunsch in Erfüllung. Schau genau hin, wenn du darunter trittst, und prüfe, ob der Dolch noch immer felsenfest im Stein sitzt.

  5. 5. Santa Maria del Mar: Die Kathedrale der Hafenarbeiter

    Plaça de Santa Maria, 1, 08003 Barcelona

    Sieh dir diese monumentale Westfassade aus ockerfarbenem Naturstein an, die sich wie eine uneinnehmbare Trutzburg zwischen den engen Gassen des Viertels El Born erhebt. Santa Maria del Mar ist das vollkommenste Beispiel der katalanischen Hochgotik. Während die große Kathedrale von Königen und Klerus finanziert wurde, gehört diese Basilika allein dem Volk.

    Wer schleppte die gewaltigen Felsquader für diese Säulen herbei? Es waren die Bastaixos, die Lastträger und Hafenarbeiter des mittelalterlichen Hafens. Im vierzehnten Jahrhundert transportierten sie jeden einzelnen Steinblock von den königlichen Steinbrüchen des Berges Montjuïc kilometerweit auf ihrem eigenen Rücken oder mit einfachen Karren zur Baustelle.

    Als Dank für ihren unentgeltlichen Schweiß erhielten die Hafenarbeiter ein ewiges Privileg: Am bronzenen Hauptportal der Kirche findest du zwei kleine Reliefs, die Lastträger mit gebeugtem Rücken und schweren Steinen auf den Schultern zeigen. Dank der geschlossenen Anstrengung aller Zünfte wurde das Gotteshaus in der sensationellen Rekordzeit von nur vierundfünfzig Jahren vollendet, von dreizehnhundertneunundzwanzig bis dreizehnhundertdreiundachtzig.

    Als du den weiten Innenraum betrittst, überwältigt dich die Weite: Die schlanken achteckigen Pfeiler stehen dreizehn Meter voneinander entfernt und lassen das Sonnenlicht durch die bunten Rosenfenster fluten. Selbst die verheerenden Brände während des Bürgerkriegs von neunzehnhundertsechsunddreißig konnten die nackte Majestät dieses Bürgerdenkmals nicht zerstören.

  6. 6. El Born Centre de Cultura: Die versunkene Stadt unter Eisen

    Plaça Comercial, 12, 08003 Barcelona

    Tritt ein unter das weite Gewölbe aus Glas und grünem Gusseisen des Mercat del Born. Als diese Markthalle im Jahr achtzehnhundertsechsundsiebzig eröffnet wurde, war sie die modernste Eisenarchitektur Spaniens. Doch der wahre Schatz offenbart sich erst, wenn du über den Steg trittst und in den riesigen offenen Abgrund blickst.

    Was siehst du dort unten im Erdreich? Ein ganzes Stadtviertel mit gepflasterten Straßen, Kanälen, Brunnen und sechzig Häusern, eingefroren im Sommer siebzehnhundertvierzehn. Nach der vierzehnmonatigen Belagerung Barcelonas im Spanischen Erbfolgekrieg erstürmten die französisch-spanischen Truppen von König Philipp dem Fünften am elften September die Stadt.

    Um den rebellischen Geist Kataloniens endgültig zu brechen, ordnete der Monarch die Zwangsumsiedlung der Bewohner und den Abriss von über tausend Häusern des wohlhabenden Ribera-Viertels an. Auf den Trümmern errichtete er die gewaltige Militärfestung Ciutadella, deren Kanonen direkt auf die eigene Stadtbevölkerung gerichtet waren.

    Bei Umbauarbeiten für eine Bibliothek im Jahr zweitausendstieß man unerwartet auf dieses katalanische Pompeji. Statt Bücherregalen schuf die Stadt ein berührendes Freilichtmuseum. Wenn du die Keramikscherben und Bombensplitter in den Schwellen siehst, verstehst du, warum der elfte September bis heute als Diada, der Nationalfeiertag Kataloniens, begangen wird.

  7. 7. Plaça Reial: Palmen, Laternen und Gaudís Anfänge

    Plaça Reial, 08002 Barcelona

    Bleib am Brunnen der Drei Grazien in der Mitte der Plaça Reial stehen und spüre die lebendige Wärme dieses prächtigen Säulenhofs. Nur wenige Schritte von der lauten Flaniermeile La Rambla entfernt öffnet sich dieser quadratische Platz mit gelben klassizistischen Palastfassaden und mächtigen kanarischen Dattelpalmen. Im neunzehnten Jahrhundert stand hier das Kapuzinerkloster Santa Madrona, das im Zuge der Säkularisation abgerissen wurde, um Raum für das Bürgertum zu schaffen.

    Schau dir die beiden sechsarmigen gusseisernen Straßenlaternen neben dem Brunnen ganz genau an. Sie wirken organisch, kraftvoll und rebellisch. Es ist der allererste öffentliche Auftrag, den der junge Architekt Antoni Gaudí im Jahr achtzehnhundertachtundsiebzig frisch von der Hochschule für Architektur erhielt.

    Der Stadtrat zahlte dem unbekannten Nachwuchsgenie damals dreihundert Peseten für den Entwurf. Gaudí krönte jede Laterne mit einem geflügelten Merkurhelm und zwei umschlungenen Schlangen, dem Symbol des Handels und des römischen Gottes Merkur, um den Reichtum der Seestadt Barcelona zu preisen.

    Unter den Arkadenbogen reihen sich historische Jazzkeller und Flamencobars wie das Los Tarantos aneinander. Wenn am Abend die Lampen von Gaudí ihr warmes gelbes Licht über die Terrassen werfen, verschmelzen die Eleganz des Bürgertums und die wilde Flamenco-Nacht Barcelonas zu einem unvergesslichen Erlebnis.